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Die Ablieferung der Glocken und Orgelpfeifen 1917

Als während des Ersten Weltkriegs die Einfuhr durch die feindliche Blockade gesperrt wurde, machte sich bald ein Mangel an allen möglichen Dingen bemerkbar. Um das für die Kriegsindustrie erforderliche Kupfer zu beschaffen, kam es zur Beschlagnahmung der Kupfer- und Messinggeräte und schließlich zur Enteignung der Kirchenglocken.

Unsere Kirche hatte drei aus Bronze gegossene Glocken, ein wenig harmonisch klingendes Geläut. Kein Wunder, die arme Gemeinde hatte sich kein einheitliches Geläut aus einem Guss leisten können; der Not gehorchend war es nach und nach beschafft worden und jede Glocke ging aus einer anderen Glockengießerei hervor. Alle drei Glocken verfielen nun der Anmeldung zur Beschlagnahmung, und nur die kleinste sollte der Gemeinde vorläufig noch belassen bleiben. Auf Antrag des Pfarrers Habicht wurde die behördliche Anordnung dahin geändert, dass die Kirche doch wenigstens die größte und älteste Glocke bis auf weiteres behalten durfte. Ihre Ablieferung ist dann nicht mehr erfolgt, so dass wir uns ihrer, wenigstens ihres historischen Wertes wegen noch heute erfreuen dürfen. Diese Glocke, im Volksmund die Zwölfuhrglocke genannt, hat einen unteren Durchmesser von 0,75 m und eine Höhe von 0,72 m. Sie hängt an sechs geschwungenen Henkeln und trägt folgende Inschrift:

  • 1. Zeile:
    Adam von Ebersberg gen, von Weihers PT Collator
  • 2. Zeile:
    Johannes Neumann P. T. Pastor.
  • 3. Zeile:
    Soli Deo Gloria
  • 4. Zeile:
    Johannes Ulrich von Hersfeld gos mich anno 1696
  • 5. Zeile:
    Hans Lamb u. Balzer Handwerk

 

Die folgenden Glocken kamen zur Ablieferung:

  1. Die Elfuhrglocke, unterer Durchmesser 0,65 m, Höhe 0,61 m, Gewicht 133 kg, Inschrift: Gos mich Johann und Georg Bendic Schneidewind in Frankfurt anno 1758
  2. Die kleine Glocke, unterer Durckmesser 0,46 m, Höhe 0,45 m, Gewicht 55 kg, Inschrift: Gegossen in der Stadt Fladungen vor die Pfarrei Hettenhausen 1795
    Sie hing, damit ihr Ton besser zur Geltung kommen sollte, im Schallloch auf der Westseite des Turms und diente lange Jahre als Schulglocke. Die großen Schulknaben hatten der Reihe nach die Verpflichtung, 1/4 Stunde vor Beginn des Morgenunterrichts zur Schule zu “klingeln”. Bei der Übersiedlung in die neue Schule – November 1910 – ließ man diesen Brauch fallen. Die Beaufsichtigung der “Läutejungen” war von dort aus zu schwierig, und kein Lehrer war gewillt, bei einem etwa vorkommenden Unfall die Haftpflicht zu tragen. In allen Häusern sind heutzutage genau gehende Uhren, so dass sich kein Kind mehr damit entschuldigen kann, die Zeit nicht gewusst zu haben.

Nachdem die drei  Glocken noch einmal ihren Klang gemeinsam über das Dorf entsandt hatten, erfolgte am 12. Juni 1917 in der Zeit zwischen 10 und 1 Uhr ihre Abnahme durch den Beauftragten des Kreises Gersfeld, den Spenglermeister Friedrich aus Gersfeld, der sich noch der Mithilfe einer Anzahl Männer aus dem Dorfe bediente. Der Verlust des Geläutes, auf den Pfarrer Habicht am vorhergehenden Sonntag in seinem den Glocken zum Abschied gewidmeten tief empfundenen Worten hinwies, brachte uns die Schwere der Kriegszeit erneut zu Bewusstsein. Der Gedanke, dass wiederum zwei alte liebe Bekannte die Heimat auf ein Nimmerwiedersehen verlassen mussten, ließ manche Träne ins Auge treten. – Am 18. Juni übernahm die Bahn die Beförderung der Glocken nach Gersfeld zur Sammelstelle. Als Entschädigung erhielt die Kirchengemeinde nach Abzug der Ausbaukosten von 33,48 M. die Summe von 804 Mark.

Bald nach Ablieferung der Glocken kam es auch zur Beschlagnahmung der Orgelpfeifen aus Zinn. Unsere Orgel hatte solche Pfeifen nur im Prospekt, während die Metallpfeifen im Innern der Orgel aus dem weniger wertvollen Zink hergestellt sind. Von den in drei Gruppen angeordneten Prospektpfeifen waren nur die größten, in der Mitte stehenden, tönend. Die links und rechts stehende Gruppe diente nur zur Zierde. Durch das Herausnehmen der Pfeifen wurde das Register “Prinzipal 8 Fuss” unbrauchbar, weil es die 15 Töne vom B in der großen Oktave bis zum eingestrichenen c verlor. Die Zahl der stummen Pfeifen betrug 60, die Gesamtzahl der abgelieferten Pfeifen 75. Den Ausbau der Orgelpfeifen nahm der Orgelbauer Schedel aus Fulda vor.

Anmerkung: Die Orgel hat im Jahr 2020 im Zuge der umfassenden Restaurierung und Rekonstruktion wieder ihre Prospektpfeifen aus Zinn erhalten.

 

Ein neues Geläute für die Kirche

Bald nach Beendigung des Weltkrieges ging man überall in Deutschland an die Beschaffung neuer Kirchenglocken. Der schwierigste Punkt dieser Angelegenheit bildete die Geldfrage, die zu lösen bei der einsetzenden Geldentwertung nicht leicht war. Durch eine Haussammlung suchte man in Hettenhausen im April 1920 einen Glockenfonds zu begründen.

Mehrere Tausend Mark kamen zusammen, Papiermark, über deren wahren Wert damals noch niemand in Hettenhausen im klaren war, weil uns der Maßstab, der Kurs der Mark im Ausland, unbekannt blieb. Mit Genugtuung sah man den Fonds durch Spenden und Kirchensammlungen zu einer recht beträchtlichen Höhe wachsen, bis er dann im Jahr 1923 unter der vollständigen Papiermarkentwertung in ein Nichts versank.

Erst 1925, als wir in der Rentenmark einen reellen Wert hatten, tauchte der Plan, der Kirche wieder ein würdiges Geläut zu geben, von neuem auf. Zwei Meinungen standen sich gegenüber. Die Anhänger der einen Richtung wollten wie vor der Inflation durch Ansammlung eines größeren Kapitals die Mittel für die Beschaffung von Glocken aus edlem Metall, aus Bronze, zuerst sichern, bevor eine Bestellung erfolgte; Ansicht der anderen ging dahin, möglichst rasch Glocken gießen zu lassen, Stahlglocken, die sich im Preis bedeutend billiger stellten und erst nachher an die Aufbringung des Geldbetrags heranzutreten. Besichtigungsreisen nach Steinhaus bei Fulda, nach Kothen u. a. bestärkten sie noch in ihrem Eifer für die Sache. Ende September 1925 unternahmen etwa 20 Gemeindeglieder eine Autofahrt nach Zella bei Tann, wohin der Bochumer Verein ein neues Geläute aus Silberstahl geliefert hatte. Der Eindruck, den der volle harmonische Klang dieser Glocken auf alle Teilnehmer der Fahrt machte, war derart, dass der Kirchenvorstand noch in derselben Woche Verhandlungen mit dem Bochumer Verein zwecks Lieferung desselben Geläutes anknüpfte. Das Gebälk des alten Glockenstuhls wurde nicht für kräftig genug gehalten, Glocken von solchem Gewicht zu tragen, weshalb auch gleich ein eiserner Glockenstuhl angeschafft wurde. Die Firma in Bochum verpflichtete sich, beides, Glocken und Glockenstuhl, zu liefern, und zwar mit einer solchen Beschleunigung, dass sie schon am Heiligen Abend ihren Klang hinaus durchs Land tragen sollten. Nun musste auch die finanzielle Frage gelöst werden. Mitglieder des Kirchenvorstands gingen von Haus zu Haus, Spenden bzw. Zeichnungen für den Glockenfonds entgegenzunehmen. Trotz der Geldknappheit wurden noch 4897 M gezeichnet (Hettenhausen 3751 M, Altenfeld 304 M, Gichenbach 642 M, Schmalnau 200 M).

Anfang Dezember waren die Glocken in Bochum fertiggestellt, so dass sie nach der am 8. Dezember erfolgten Tonprüfung durch den Beauftragten der Kirchengemeinde, den ihr als Musiksachverständigen empfohlenen Pfarrer Glebe in Bochum, zum Versand gebracht werden konnten. Aus dem Gutachten seien hier nur einige Sätze angeführt: “Die Glocken sollen vertragsgemäß die Schlagtöne f- as- b haben. Die kleinste Glocke hat einen edlen, hellen und weittragenden Ton. Der Schlagton “as” entspricht genau der internationalen Stimmung, ist stark und wohlklingend.  Der Schlagton “f” hat einen ernsten, sonoren, vollen Ton mit etwas dunkler Färbung.”

Dienstag, den 15. Dezember trafen die Glocken hier ein, allgemein wegen ihrer Größe bewundert. Noch an demselben Tage wuden sie an der Kopframpe der Bahn ausgeladen und zur Abfahrt auf Holzschlitten bereit gestellt. Am 16. Dezember fand die feierliche Einholung der Glocken statt. Ein herrlicher Tag! Schnee bedeckte die Landschaft, dazu herrlicher Sonnenschein. Die Feier begann um 11 1/2 Uhr am Bahnhof, wo sich die Gemeinde, festlich gekleidet, eingefunden hatte, durch einen Choral der Musikkapelle Gersfeld. Nach dem dreistimmigen Schülerchor der Ortsklasse: “Lobe den Herren…” gedachte Pfarrer Habicht in seiner Ansprache der alten Glocken und begrüßte die neuen. Er danke allen, die sich um das Zustandekommen des Werkes bemüht und zu den Kosten beigesteuert hatten.

Festzug: Schüler von Hettenhausen und Gichenbach mit den Lehrern, die Jungfrauen, die Musikkapelle, Pfarrer mit Kirchenvorstand, die Glocken, festlich mit Kränzen geschmückt (1. Schlitten: die kleinste Glocke mit 2 Pferden, 2. Schlitten: die mittlere Glocke mit 3 Pferden, 3. Schlitten: die große Glocke mit 4 Pferden bespannt), es folgte die Gemeinde. Vor der Kirche endete die Feier mit Gebet und Gemeindegesang mit Musikbegleitung: “Nun danket alle Gott”. Während der Festzug sich nach der Kirche hin bewegte, läutete die alte Glocke.

Am Sonntag, den 20. Dezember fand im Morgengottesdienst die Weihe der Glocken, die in der Kirche vor den Altar gebracht worden waren, statt. Unter Leitung eines Monteurs aus Bochum wurde Tag und Nacht an der Aufstellung des Glockenstuhls gearbeitet, so dass die Aufhängung der Glocken am 21. Dezember ausgeführt werden konnte. Richtig, wie versprochen, ließen die Glocken am 24. Dezember 1925 vormittags um 11 1/2 Uhr ihre Stimmen zum ersten Mal erschallen, erst einzeln, dann im Chor: “feierlichfroh!” Noch an demselben Tag läuteten sie am Nachmittag um 2 Uhr beim Begräbnis des Landwirts und Holzwarenhändlers Johann Kreiss aus dem Schafhof (Haus Nr. 9).

1. Glocke: f = 1,333 m Durchmesser, 1,185 m Höhe, 1010 kg Gewicht der Glocke, 320 kg Zubehör, Inschrift: Ehre sei Gott in der Höhe

2. Glocke: as = 1,100 m Durchmesser, 1,005 m Höhe, 560 kg Gewicht der Glocke, 220 kg Zubehör, Inschrift: Friede auf Erden

3. Glocke: b = 0,960 m Durchmesser, 0,865 m Höhe, 400 kg Gewicht der Gocke, 160 kg Zubehör, Inschrift: Den Menschen ein Wohlgefallen

Die Bezahlung der Glocken erfolgte in Raten bis zum 1. Juli 1926.

 


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* Im Text befinden sich einige Münzangaben. So hatte um 1700 ein Gulden (fl.) eine Kaufkraft, die heute (als grobe Orientierung)  40-50 € entspräche. 1747 mussten beispielsweise in der Grafschaft Sayn-Altenkirchen für einen Gulden ein Meister 2 Tage, ein Geselle etwa 2½ und ein Tagelöhner 3 Tage zu jeweils 13,5 Arbeitsstunden an den herrschaftlichen Bauten arbeiten. Der Taler wurde auf 90 Kreuzer gesetzt, so dass der Gulden 2/3 eines Talers entsprach. In Norddeutschland wurden in der Tat 2/3-Taler geprägt. Ein Taler hatte somit den Wert von ca. 1,5 Gulden. Heute entspricht 1 Gulden einer Kaufkraft von ca. 10 €.

 

(u. a. aus der Chronik von Hettenhausen anlässlich des 1050-jährigen Bestehens im Jahr 2006, nach den Aufzeichnungen des Chronisten Friedrich Waldschmidt, Hettenhausen)