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Eine „Laterna Magica“

 

Kurz vor den Sommerferien des vorigen Jahres rief das Vonderau Museum in Fulda zu einer „Schatzsuche“ auf: Wenn Sie bei sich zuhause etwas „Altes“ aufbewahren, das vielleicht wertvoll ist, bringen Sie diese Rarität am Sonntag ins Museum. Hier stehen Fachleute bereit, die den Wert schätzen. Eventuell ist das Museum auch an einem Kauf interessiert.

Der Aufruf machte mich neugierig: Gibt es bei mir einen seltenen Gegenstand, den ich präsentieren könnte? Ich erinnerte mich daran, wie vor einigen Jahren im Gottesdienst Helfer für das Entrümpeln im Keller des Pfarrhauses gesucht wurden. An einem Nachmittag trugen wir viel Sperrmüllgut an den Straßenrand. Für zwei unbrauchbar gewordene Sachen interessierte ich mich und ich fragte um Erlaubnis, sie mitnehmen zu dürfen: einen 16mm-Filmprojektor und so etwas wie einen ganz alten Diaprojektor. Diese Antiquität führte ich im Vonderau Museum vor, und sie wurde als „Laterna Magica“[1] begutachtet.

Später fand ich heraus, dass dieses Gerät um 1920 hergestellt wurde und dass das gleiche Modell in einer österreichischen Universitätsstadt in restauriertem Zustand aufbewahrt wird. Wie kam diese „Laterna Magica“ vor etwa hundert Jahren nach Dalherda? Welche Vorführungen gab es damit?

Wanderschausteller mit einer Laterna Magica (Lithographie aus dem 19. Jh.), aus: C. W. Ceram, Eine Archäologie des Kinos. Hamburg, 1965, S. 40

 

In dem Film „Frühjahr – Ein Film über Dalherda“, der im April 2017 im Hans-Asmussen-Haus zu sehen war, kommt ein Mann zu Wort, der 1924 in Dalherda geboren wurde: Heinrich Barth. Er war 14 Jahre alt, als die Familie Barth, die Eltern und er mit seinen fünf Geschwistern, in die Haderwaldstraße in Fulda-Neuenberg umgesiedelt wurde. Alle Familien in Dalherda mussten ihre Häuser verlassen. Das war im Frühjahr 1938.

Anfang Januar habe ich Heinrich Barth in der Haderwaldstraße besucht. Ich hatte Fotos von dem Fundstück aus dem Gemeindehauskeller mitgebracht und war gespannt: Würde er den Projektor wiedererkennen und erzählen, wie der damalige Pfarrer im Konfirmandenunterricht und in Vorträgen Bilder zeigte? Aber ich wurde enttäuscht. Er sah sich die Fotos lange an und konnte sich nicht erinnern. Wir fragten uns: Wie ist die Laterna Magica nach Dalherda gekommen? Wer hat sie gebraucht? Der Besuch bei Heinrich Barth und seiner Tochter in der Haderwaldstraße war eine Gelegenheit, seiner Erinnerung an die Kindheit in Dalherda Bilder zu entlocken:

Dalherda war ein großes Dorf mit vielen Schulkindern. Je zwei Jahrgänge wurden in einem Klassenraum unterrichtet, bei acht Schuljahren also vier Klassen mit je 30 Schülerinnen und Schülern. In dem großen Schulgebäude war eine Sporthalle nicht vorgesehen. „Geturnt“ wurde draußen, auch mit Mannschaftsspielen, Schlagball und Völkerball. Fußball war noch unbekannt. Im Winter zogen die Lehrer mit den Jungen zum Skilaufen auf das Dammersfeld. Dort gab es einen Turm, „Babylon“ genannt, mit einer Aussicht von 950 m Höhe. Der Schnee: Einen Meter hoch.

In den Ferien mussten die Kinder bei der Heuernte helfen, denn fast jeder Haushalt betrieb auch etwas Landwirtschaft. In der Freizeit wanderten sie. Viele Vereine gab es in Dalherda, auch einen Radfahrerverein. Und wie wurde der Geburtstag gefeiert? Viel gefeiert wurde nicht, aber die Mutter backte Zuckerkuchen und Krömputzkuchen (Streuselkuchen).

Heinrich Barth hat seine Kindheit in Dalherda verbracht, aber seine Jugend, sagt er, wurde ihm gestohlen. Mit 22 Jahren kam er 1946 mit einer Verwundung aus russischer Gefangenschaft nach Fulda zurück. Aus Dalherda war die Hälfte seines Jahrgangs 1924, eines der geburtenstärksten Jahrgänge nach dem Ersten Weltkrieg, gefallen.

Am 2. Mai 2024 feiert Heinrich Barth seinen 100. Geburtstag. Ein herzlicher Glückwunsch aus seinem Geburtsort Dalherda soll ihn auf diesem Weg erreichen.

„Frühjahr – Ein Film über Dalherda“, in dem das Interview mit Heinrich Barth zu sehen ist, wird demnächst noch einmal gezeigt.

(Edzard Krückeberg)


[1] Die Laterna magica (lateinisch für „Zauberlaterne“) oder Skioptikon ist ein Projektionsgerät, das vom 17. bis ins 20. Jh. hinein in ganz Europa verbreitet war und sich im 19. Jahrhundert zum Massenmedium entwickelte. Sie bildete die technisch-apparative Zusammenfassung bekannter optischer Effekte in einem einzigen Instrument. (Wikipedia)